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Rupert Sheldrake

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"Das Universum als Ganzes kann nur dann eine Ursache und einen Zweck haben, wenn es durch eine bewusste Kraft geschaffen wurde, die über es selbst hinausgeht." (Rupert Sheldrake)

Vorbemerkung

Ich beschränke mich bei den folgenden Ausführungen auf die nach meiner Ansicht wesentlichen Gedanken Sheldrakes und bleibe auch nahe an seiner Wortwahl, ohne dass immer explizit zu kennzeichnen. Seine genauen und sehr ausführlichen Herleitungen und Abgrenzungen zu bestehenden wissenschaftlichen Theorien lasse ich hier außer Acht, da ich nur der Linie seiner Kerngedanken folge, die Essenz seiner Gedanken zu extrahieren suche.

Morphogenetische Felder

In Rupert Sheldrakes Theorie der morphogenetischen Felder geht es einfach ausgedrückt um die Frage wie Formen in der Natur entstehen, sich entwickeln und wie sie vererbt werden.
Ausgangspunkt
Ausgangspunkt ist die Beobachtung der Formwiederholung, der Tatsache, dass bestimmte Atome sich zu bestimmten Molekülen zusammenschließen oder dass der Same einer bestimmten Pflanze immer die gleiche Pflanzenform hervorbringt oder der Beobachtung, dass Spinnen über Generationen hinweg immer die gleichen Netze weben, ohne es von anderen Spinnen gelernt zu haben…
Formbildung
Das morphogenetische Feld ist „zuständig für die Formbildung physikalischer, chemischer und biologischer Systeme, für die „Bildung komplexer Organisationsstrukturen (wie Kristalle, Zellen, Organe, Planeten, Sonnensysteme usw.)." Die Bildung dieser Systeme wird hier nicht verstanden „als Folge der Eigenschaften der Materie“, sondern als Folge des Wirkens eines „übergeordneten Formbildungsmusters“, des morphogenetischen Feldes. Dieses ist physikalisch nicht messbar, jedoch in der Formbildung und Formentwicklung wirkend erkennbar und wirksam.
Vererbung von Mustern
Typisch ist hier z.B. die Beobachtung, dass ein Verhaltensmuster, das von einer Ratte gelernt wird, nach gewisser Zeit allen Ratten zur Verfügung steht, also Teil des kollektiven Erfahrungsschatzes der Spezies „Ratte“ wird. Weiterhin ist augenfällig, dass lebende Organismen ganz charakteristische Formen ausbilden, die sich weder aus deren Ausgangsform erklären lassen, noch in dieser erkennbar sind.

Regulation, Regeneration und Reproduktion

In diesen Zusammenhang gehören auch die Probleme der Regulation, der Regeneration und der Reproduktion.

Regulation
Die Regulation beschreibt den Vorgang, dass ein sich entwickelndes System, so man während der Entwicklung ein Teil davon entfernt oder hinzufügt, sich dieses System doch zu einer mehr oder weniger normalen (oder erwarteten) Form hin entwickelt.Systeme steuern anscheinend einen „morphologischen Endzustand“ an, obwohl ihr Entwicklungsweg beeinflusst wurde. Sie kommen also auf ihren ursprünglich eingeschlagenen Weg zurück oder werden anders ausgedrückt zum beabsichtigten Ziel hingeführt, wenn auch nicht immer auf direktem Weg.

Regeneration
Regeneration beschreibt die Fähigkeit von Organismen (oder Systemen) „beschädigte Strukturen zu ersetzen oder wiederzubeleben.“ Bei der Reproduktion schließlich „wird ein abgetrennter Teil des Elterntieres zu einem neuen Organismus…aus dem Teil wird ein Ganzes.“
Was Sheldrake hieraus ableitet ist die Vermutung, dass allem formbildenden Geschehen bestimmte Muster zugrunde liegen nach denen die Formen sich entwickeln, dass ein höheres steuerndes Ordnungsprinzip bei der Formentwicklung wirkt, nicht blinde physikalische Gesetze.
Aus vorherrschender naturwissenschaftlicher Sicht „vom mechanistischen Standpunkt aus lässt sich dies alles (er bezieht sich hier auf die Bildung von Polypeptidketten) in Begriffen von physikalischen Interaktionen erklären, und der Formwerdungsprozess lässt sich als spontaner Vorgang beschreiben, wenn die richtigen Proteine an den richtigen Stellen zur rechten Zeit und in der richtigen Reihenfolge vorhanden sind.“

Folgerung
Seine Folgerung im Sinne der „formbildenden Verursachung“ oder des „morphogenetischen Feldes“:
„Diese Phänomene können nur im Sinne kausal wirkender Erscheinungsformen verstanden werden, die in gewisser Weise mehr sind als die Summe der Teile sich entwickelnder Systeme und die Endzustände der Entwicklungsprozesse determinieren.“

Grundgedanke
Man könnte diesen Grundgedanken, stark vereinfacht, vielleicht in folgendem Beispiel verdeutlichen:
Die auf einem Tisch liegenden Teile eines Puzzle werden sich nicht von selbst zum Gesamtbild zusammenfügen. Das Gesamtbild ist bereits da, die Teile sind auf die Endform hin gestaltet – es muss sie bloß jemand sinnvoll zusammensetzen und nicht solange mischen bis vielleicht irgendwann von alleine sie die Zielform annehmen. Entwicklung ist also immer zielgerichtet.

Neodarwinismus

Die neodarwinistische Evolutionsstheorie erklärt die Formbildung und Formentwicklung der Lebensformen durch ein Zusammenwirken von:
zufälligen Mutationen, Mendelschen Regeln und natürlicher Selektion. Zur eigentlichen Natur des Lebens sagt sie nichts.
Zwar kennt sie die physikochemischen Abläufe bei der Entstehung des Lebens, doch ist „die Erklärung des Lebens als Kombination lebloser Substanzen … nicht wirklich überzeugend.
Bewusstsein, Seele und Geist sind letztlich nicht aus der Materie erklärbar, da jede naturwissenschaftliche Beobachtung ja gerade Bewusstsein als Vorbedingung hat“– somit muss dieses außerhalb des Gegenstandes der Beobachtung (der Materie) stehen.

Es gilt also zu unterscheiden zwischen dem Beobachter, dem Gegenstand der Beobachtung und der Beobachtung selbst!

Hier wäre eine Glosse von Ludwig Derleth angebracht:
"Da suchen die Affen Gottes das ewig Keimende in dem lebendigen Urbrei in ihren alchymistischen Schmelztiegeln noch einmal nachzubilden; und sie sprechen - als wäre das Leben nur das Resultat physischer Kräfte: 'Lasst uns nach unserem Bilde und Gleichnis den Menschen schaffen und seinen Geist aus irdischer Lauge ziehen!'Furchtbar, wenn Torheit überkreatürlich sich gebärdet und den Schöpfer spielt! Sie mühen sich vergebens und werden nimmer das geistige Prinzip, das die Ursache, nicht das Produkt des Stoffes ist, an das Gesetz der Schwere ketten."

Das Kollektive Unbewusste

Untermauernd für Sheldrakes Theorie wirken die Entdeckungen von C.G. Jung über das kollektive Unbewusste, einen Schatz an ererbten Erfahrungsmustern, Verhaltensweisen und Urbildern, der allen Menschen zur Verfügung steht (vielleicht generell allen Lebewesen in unterschiedlichem, ihrer Bewusstseinsstufe gemäßem Umfang …). Diese Erfahrungsmuster haben sich während der Menschheitsentwicklung gebildet und angesammelt, sind also in diesem Sinne uns von den vorhergehenden Generationen „vererbt“.
Jung sagt: „Das kollektive Unbewusste entwickelt sich nicht individuell, sondern wird ererbt. Es besteht aus präexistenten Formen, Archetypen, die erst sekundär bewusst werden können und den Inhalten des Bewusstseins fest umrissene Formen verleihen.
(Jung geht in dem Sinne nicht auf die äußere Formentwicklung ein, geht aber auch vom Vorhandensein formbildender Muster aus, wenn auch mehr im Psychischen und Geistigen.)

Epigenesis

Die Tatsache, dass biologische Systeme selbstregulativ und regenerativ sind, deutet auf eine schöpferische Komponente oder schöpferische Kraft in der Formentwicklung. Entwicklung ist somit „epigenetisch“, denn sie führt „zu einem Zuwachs an Komplexität der Form, die nicht aus der Ausgangsform erkennbar oder ableitbar ist.

Zur Definition von Epigenese. (twiki)

Vitalismus und Entelechie

Vitalismus
Es gab in der Vergangenheit bereits Gedankengänge, die denen Sheldrakes durchaus ähnlich waren, wie z.B. den „Vitalismus“, der davon ausging, dass in lebenden Organismen, neben den physikalischen Gesetzen ein „zusätzlicher Kausalfaktor“ wirkt.

Kausalfaktoren der Formbildung
Nach dieser Anschauung kommt nach Liebig „zu den bekannten drei Ursachen:
Wärme, chemische Affinität und den formbildenden Faktoren Bindekraft und Kristallisation … im lebendigen Organismus eine vierte Ursache hinzu, durch welche die Kohäsionskraft beherrscht wird, durch welche die Elemente zu neuen Formen zusammengefügt werden, durch die sie neue Eigenschaften erlangen, Formen und Eigenschaften, die außerhalb des Organismus nicht bestehen.“
Nach mechanistischer Sicht entspricht der Organismus einer Maschine, deren Verhalten vollständig vorhersehbar und berechenbar ist, da es sich ausschließlich auf bekannte physikalische Gesetzmäßigkeiten zurückführen lässt. Allerdings gibt es keine Maschine, die sich regeneriert, sich eigenständig reguliert oder gar reproduziert, somit muss ein Organismus mehr sein als eine Maschine, so Driesch.

Entelechie
„Entelechie“ nennt Driesch diesen Faktor, „der ein System oder einen Organismus als Ganzes erhält, selbst wenn Teile davon entfernt werden.“
Entelechie ist die „Steuerungs- und Triebkraft der Morphogenese – der Formbildung und Formwerdung.“
Entelechie „trägt ihren Zweck in sich selbst, schließt das Ziel ein, auf welches ein System unter ihrer Führung ausgerichtet ist.“ Wird also ein Entwicklungsweg gestört, so steuert sie das System auf einem anderen Wege zum gleichen Ziel hin. Wenngleich sie räumlichen Dimensionen nicht unterworfen ist, wirkt sie dennoch im Raum.
Entelechie greift darüber hinaus auf ein „Gedächtnis der Art“ (ähnlich dem Kollektiven Unbewussten) zu, „auf bekannte Formvorlagen, an denen sich die Entwicklung der neuen Form orientiert.“

Die Chreode

Die Chreode als Formweg
Im sogenannten Organizismus wurde der Gedanke der „Chreode“ entwickelt, als wahrscheinlichster Entwicklungsweg eines Systems entlang vorhandener Ausprägungen bereits früher gegangener Formwege, die sich der Formlandschaft (die Menge der möglichen Formen) eingeprägt haben, etwa so, wie ein Fluss sich im Laufe der Jahrmillionen einer Landschaft einprägt. Wasser fließt in solch einer vorgeprägten Landschaft immer zum tiefsten Punkt, dem mit der niedrigsten potentiellen Energie –ebenso bilden sich Formen auf den Wegen geringsten Energieaufwandes bzw. bevorzugen die Form mit der geringsten Energie.

Entwicklung der Form
Im Zentrum von Sheldrakes Betrachtungen steht immer die Form und ihre Entwicklung.
Im Gegensatz zu physikalischen Größen lassen sich Formen nicht quantitativ messen, sie genügen sich selbst und lassen sich nicht auf irgendetwas anderes zurückführen.
Formen können nur visuell dargestellt werden, nicht mathematisch (es gibt keine Formel für einen Elefanten). Noch problematischer ist die Beschreibung des Formenwandels, der Morphogenese.“
Wie bereits erwähnt ist die Entwicklung der Formen „epigenetisch“, im Zuge ihrer Höherentwicklung nehmen Komplexität und Organisation zu. Neu entstehende Formen greifen in ihrem Werdeprozess auf bestehende Formen zurück.

Eine Analogie zu dieser Beobachtung findet sich in Platos Ideenlehre nach der alle Formen der sinnlich-wahrnehmbaren Welt Ausdruck oder Abdruck von Ideen oder Urbildern einer höheren geistigen Wirklichkeit sind. Speziell auf die Entwicklung des Bewusstseins bezogen (seelisch oder geistig) findet man diesen Gedanken auch bei C.G. Jung in Form der von ihm postulierten Archetypen des Kollektiven Unbewussten.

Form und Entwicklung aus physikalischer Sicht

Die Newtonsche Physik – Energie und Kraftfeld
Sheldrakes Beobachtung erweitert die Grenzen der klassischen Sicht auf die Formentwicklung. Die Newtonsche Physik führte alles Geschehen auf Energie und deren Umwandlung zurück, wie dies z.B. bei einem elektrischen Generator durch die Umwandlung von mechanischer Energie in elektrische Energie geschieht. Man dachte sich die hier zum Ausdruck kommenden und wirkenden Kräfte in den materiellen Körpern beheimatet. Dieser Denkansatz wurde später durch den Begriff des Feldes erweitert, das den Raum zwischen den Körpern ausfüllt und Träger eben jener Kräfte ist, diese in sich birgt.
Oder in Kurzform:
„Physikalische Phänomene werden durch eine Kombination von Raumfeld und Energiebegriffen erklärt.“
Stabile Zustände einer Form werden nach dieser Betrachtungsweise durch ihr Energieniveau bestimmt. Stabil ist der Zustand mit der geringsten potentiellen Energie oder anders ausgedrückt mit dem geringsten Streben nach Veränderung.

Die Thermodynamik und die Entropie
In die gleiche Richtung geht auch das Zweite Gesetz der Thermodynamik.
Es besagt, dass „spontane Prozesse innerhalb eines geschlossenen Systems einen Zustand des Gleichgewichts ansteuern. Dabei tendieren anfängliche Unterschiede in Druck, Temperatur … zwischen den verschiedenen Teilen des Systems dazu, sich auszugleichen.“
In den Begriffen der Thermodynamik bleibt die „Entropie“ eines geschlossenen makrokosmischen Systems entweder konstant oder nimmt zu. „Entropie“ ist hierbei zu verstehen als das Maß der Unordnung eines Systems. So hat ein Gas, in dem sich die Atome frei und unkontrolliert bewegen eine hohe Entropie, ist ungeordnet.
Eine Kristallstruktur hat eine geringe Entropie, da sie geordnet ist.
Beim absoluten Nullpunkt ist auch die Entropie Null. Hier herrscht im Sinne der Thermodynamik vollkommene Ordnung – es erfolgt keine thermische Anregung, kein Energieaustausch.
Biologische Systeme hingegen sind offen, tauschen mit ihrer Umgebung Energie und Materie aus. Aus thermodynamischer Sicht wäre ein Salzkristall ebenso wie ein komplexer Organismus in gleichem Maße „geordnet“ – das höhere Maß an Komplexität des Organismus wird thermodynamisch also gar nicht erfasst.
Energie ist das Maß der Veränderung. Eine Form oder Struktur kann nur solange existieren, wie sie einer Veränderung ein gewisses Maß an Widerstandskraft entgegensetzt. Bei zunehmender Temperatur, als Ausdruck der Energiezunahme eines Systems, zerfallen die Strukturen, Moleküle zerfallen in ihre Atome. Bei abnehmender Temperatur werden sie in wachsendem Maße stabilisiert und strukturiert, werden zu stabilen Formen. Allerdings treten diese stabilen und höher strukturierten Formen spontan auf, sind also nicht energetisch erklärbar, d.h. auch hier muss etwas außerhalb der Materie formbildend wirken!

Quantenmechanik und Formbeschreibung
Auch der Quantenmechanik ist es bislang nicht gelungen „die Formen und Eigenschaften selbst einfachster Formen (Moleküle oder Kristalle) aus fundamentalen Prinzipien abzuleiten“, geschweige denn jene komplexer Moleküle, Zellen oder gar Organismen (im Sinne z.B. einer Formel für die Form oder Eigenschaften einer Pflanze, nach der diese nachgebildet werden könnte).
Ein System tendiert, wie bereits erwähnt spontan dazu die Struktur mit dem geringsten Energieniveau anzunehmen. Wie die Beobachtung zeigt, probiert ein System jedoch keineswegs alle Weg zu dieser stabilen Form erst systematisch aus – sie ergibt sich vielmehr spontan. Und genau an dem Punkt greift die Theorie der formbildenden Verursachung (der morphogenetischen Felder), da sie diese „Spontanität“ erklärt über das Wirken der morphogenetischen Felder.

Morphogenetische Felder, Einheiten und Keime

Ausgangspunkt
Diese Betrachtung geht aus von der Annahme, dass „bei der Entwicklung und Aufrechterhaltung von Formen auf allen Ebenen der Komplexität“ die morphogenetischen Felder eine „kausale Rolle“ spielen. Da nun jedes individuelle System eine ganz charakteristische Form hat, muss – nach dieser Theorie – auch jeder dieser Formen ein ganz eigenes „morphogenetisches Feld“ als Formbildungsmuster vorliegen.
Alle Systeme werden gedacht als eine Hierarchie aus „morphischen Einheiten“, die aufeinander aufbauen, etwa in der Folge: Atome – Moleküle – Kristalle – Zellen – Organe ..“ mit je wachsender struktureller Komplexität.
Morphogenese geschieht nicht aus dem Nichts heraus, sondern geht von einem bereits bestehenden, organisierten System aus, dem sogenannten „morphogenetischen Keim“. Es ist ähnlich wie die Bildung von Regentropen, die ja auch einen Kondensationskern (etwa einen Staubpartikel) benötigen, um sich zu bilden. Die Form des Feldes entspricht der Form dessen, was entstehen soll – der Same trägt die Form der Pflanze so gesehen schon fertig in sich, sie muss lediglich in Raum und Zeit manifestiert werden.

Anlagekeime der finalen Form
Ein Keim trägt die Finalform bereits als Anlage (virtuelle Form) in sich und folgt auf seinem Weg zur Manifestation dieser Formvorschrift entlang einer Chreode.
Interessant ist hier auch die Beobachtung, dass Formen oder Strukturierungsvorschriften „eingeimpft“ werden können. So bewirkt ein Kristallisationskeim (eine bereits kristallisierte Struktur, ein Salzkristall) eine beschleunigte Kristallisation einer gesättigten Salzlösung.
Die chemische Morphogenese ist aggregativ, d.h. es gibt keine Transformation von einem Kristall zu einem anderen. Sie fügt Teile zusammen, wohingegen die Morphogenese lebendiger Formen aus einfachen Formen höhere, komplexere Formen entwickelt.
Morphogenetische Felder kann man ansehen als Wahrscheinlichkeitsstrukturen, die eine Anzahl von Formbildungsmöglichkeiten oder Formmustern bieten, aus denen dann eine bestimmte passende Form sich präferiert herausbildet (s.w.u.)

Hierarchische Staffelung
In lebenden Organismen sind die Felder hierarchisch gestaffelt. Jedes Feld, das einer manifestierten Formentwicklungsstufe zugrunde liegt, diese prägt, ist von einem höheren, übergeordneten Formbildungsfeld bestimmt und organisiert. Dieser Mechanismus bestimmt und lenkt die Formentwicklung von niederen zu höheren Formen, von Atom zu Molekül zu Zelle zu Gewebe zu Organ und schließlich zum Gesamtorganismus. (sei dies nun ein Mensch, ein Sonnensystem oder eine Galaxie).
„Auf jeder Ebene wirken die Felder dadurch, dass sie Prozesse, die sonst unbestimmbar wären, auf bestimmte Weise regulieren.“
Bereits in der Vergangenheit erprobte und bewährte Formen haben einen entscheidenden Einfluss auf die Formentwicklung, stellen sie doch „sichere Wege“ oder „Chreoden“ für die Entwicklung der neuen Form zu Verfügung.

Wiederholung von Formmustern

Ausgangspunkt dieses Gedankens ist die Beobachtung der Wiederholung von Formmustern, dass Formentstehung sich wiederholt:
Die entstehenden Formen -etwa der Pflanze einer Spezies- bleiben sich dabei im Wesentlichen gleich.
Da die Formbildung komplexer Systeme nicht ausschließlich sich auf die bekannten Gesetze der Physik zurückführen lässt, sondern die Materie und die ihr anhaftenden Gesetze nur der Urstoff ist, der von den morphogenetischen Feldern geformt und für die Formbildung genutzt wird, so gilt dies folglich auch für die Formwiederholung:
„Beständigkeit und Wiederholung der Form ergibt sich demgemäß durch wiederholten Zusammenschluss eines gleichartigen morphogenetischen Feldes mit einem bestimmten Typus eines physikalischen Systems.“

Wo kommen die morphogenetischen Felder her?

Offen ist die Frage: „Wo kommen die morphogenetischen Felder her?“
Eine Möglichkeit besteht darin, dass diese Felder (bezogen auf das Leben auf der Erde) bereits vor der Entstehung des Planeten in latenter Form vorhanden waren, als „präexistente Ordnungsprinzipien“.
Die Formwiederholung lässt sich – im Kontext dieser Betrachtung – auf den Einfluss vergangener ähnlicher Formen zurückführen. Dieser Einfluss ist jedoch nicht physikalisch determiniert und wirkt über Raum und Zeit hinaus.
Die Frage nach der ersten Form, gehört wie die Frage nach dem „ersten Bewegenden“ (dem „primum movens“ der Scholastik) in den Bereich der Metaphysik.
Metaphysik ist hier nicht als Ablage für nicht erklärbare Phänomene gedacht, sondern als ein erweiterter Deutungs- und Erkenntnisrahmen, der weit über den gegenwärtigen Horizont der Physik (oder der Naturwissenschaft im Allgemeinen) hinausgeht.

Morphische Resonanz

Wichtig für die Formentwicklung ist die Hypothese der „morphischen Resonanz“.
Wie die Saite eines Musikinstruments auf bestimmte Schallwellen anspricht oder ein Radioempfänger eines bestimmten Senders auf eine spezielle Frequenz abgestimmt ist, so treten morphische Felder mit strukturell ähnlichen Feldern in Resonanz. Diese Resonanz wirkt über Raum und Zeit hinweg, ohne Energieübertragung – eher im Sinne einer Musterübertragung dreidimensionaler Schwingungsmuster, denn morphische Einheiten sind ihrer Natur nach „dynamisch“.
Das Raumzeitmuster eines früheren Systems überlagert sich (da es in Resonanz ist) mit dem aktuell wirksamen formbildenden Muster.
Die Annahme hierbei ist, dass morphische Resonanz nur aus der Vergangenheit wirkt – es gibt also keine Rückwärtswirkung aus der Zukunft, keine Zielursache (etwa im Sinne der „causa finalis“ des Aristoteles).
Aus alledem ergib sich die folgende Ausgangshypothese für die Betrachtung und Deutung der morphischen Resonanz:

• Morphische Resonanz erfolgt nur durch vergangene morphische Einheiten und bleibt ungeachtet einer zeitlichen und räumlichen Distanz unvermindert wirksam.

• Formen vergangener Systeme werden zeitlich nachgeordneten Systemen automatisch präsent (sie aktualisieren diese).

• Für eine bestehende Form werden alle ähnlichen Formen der Vergangenheit präsent – die neue Form ist eine Mittelung dieser vorhergehenden Formen, eine „Durchschnittsform“

Ein anschauliches Beispiel hierfür ist die Kompositfotografie, bei der man z.B. 50 verschiedene Frontalaufnahmen der Gesichter verschiedenster Menschen übereinanderlegt und ein „Durchschnittsgesicht“ erhält Diese „Durchschnittsform“ ist unscharf durch abweichende Merkmale der Einzelformen (im Beispiel die individuelle Merkmale der Einzelgesichter) der Vergangenheit. Es ergibt sich auch hier wieder eine „Wahrscheinlichkeitsstruktur“

Die allgemein typischen Merkmale des menschlichen Gesichts treten bei diesen Fotos als scharf konturierte, kräftige Linien hervor. Individuelle Merkmale verschwinden in den Grauzonen, da sie zur Ausprägung einer Linie einfach nicht häufig genug vorhanden sind.

• Am ehesten wird die Form angenommen, die in der Vergangenheit bereits bevorzugt wurde, weil sie sich bewährt hat. Diese bevorzugte Form wird nun prägend wirksam für alle Folgeformen.

• Durch Formwiederholung gerät die Form in eine Spur, die mit steigender Anzahl an Wiederholungen immer tiefer in die Formlandschaft eingeprägt wird – hier haben wir wieder die Chreode.

Um auch hierfür ein anschauliches Beispiel zu verwenden:

Die Formlandschaft kann man sich vorstellen als eine Landschaft mit Bergen und Tälern, mit Höhen und Tiefen. Würde es nun über längere Zeit regnen, so sammelte sich das Regenwasser immer an den tiefsten Stellen. Durch seine Bewegung würde es nach und nach Flussläufe in die Landschaft einfurchen, deren Lauf nachkommendes Wasser vorzugsweise folgen würde. Das Flussbett oder der Flusslauf wäre in diesem Bild als die Chreode zu verstehen – der Weg der höchsten Wahrscheinlichkeit oder des geringsten Energieniveaus.

Erweitertes Weltbild als Fazit

Sheldrakes Gedanken sind letztlich eine Erweiterung des bestehenden materialistisch geprägten Weltbildes. Deshalb seien zum Ende dieser Betrachtungen die materialistische Sicht auf die Welt und die „transzendentale Sicht“ Sheldrakes gegenübergestellt, um so die Unterschiede klar vor Augen zu führen.

Die materialistische Sichtweise
Nach Anschauung des Materialismus ist Bewusstsein Folge materieller, physiko-chemischer Vorgänge. Das bewusste Selbst ist nach dieser Sicht ein „Geist in der Maschine.“ Geist, Bewusstsein, Gefühl sind kausal bedingt durch die Materie und die in ihr stattfindenden, physikalisch erklärbaren Vorgänge oder Notwendigkeiten. Es gibt keine von außen auf die Materie einwirkende schöpferische Instanz. Bewusstsein ist nichts von der Materie getrenntes, sondern eine Funktion derselben.
Evolution ist nichts weiter als das Zusammenspiel von Zufall und physikalischer Notwendigkeit.
„Zusammengefasst können wir sagen, dass sich das Universum nach dieser modifizierten Form des Materialismus aus Materie und Energie zusammensetzt, die ewig oder jedenfalls unbekannten Ursprungs sind. Sie organisieren sich in einer enormen Vielfalt anorganischer und organischer Formen, zufällig entstanden, erhalten durch Gesetze, die ihrerseits nicht selbst erklärbar sind.
Bewusste Erfahrung ist ein Aspekt der motorischen Erfahrung des Gehirns oder sie läuft parallel dazu.
Alle menschliche Kreativität muss, ebenso wie die der Evolutionsgeschichte, letztlich dem Zufall zugeschrieben werden. Der Mensch macht sich Glaubensinhalte (einschließlich derer des Materialismus) zu eigen, und seine Handlungen sind das Ergebnis von zufälligen Ereignissen und von den physikalischen Notwendigkeiten innerhalb seines Nervensystems.
Menschliches Leben hat keinen über die Befriedigung biologischer und sozialer Bedürfnisse hinausgehenden Sinn; ebenso wenig hat die Evolution des Lebens und des Universums als Ganzes irgendeinen Zweck oder eine Richtung.“

Die „transzendente Wirklichkeit“
Als sozusagen letzte Abstraktionsstufe der Theorie der formbildenden Verursachung und deren Konsequenz auf die Kosmogenese und deren Sinn steht bei Sheldrake die „Transzendente Wirklichkeit“, die er wie folgt beschreibt.
Das Universum als Ganzes kann nur dann eine Ursache und einen Zweck haben, wenn es durch eine bewusste Kraft geschaffen wurde, die über es selbst hinausgeht. Dieses transzendentale Bewusstsein würde sich im Gegensatz zum Universum nicht auf ein Ziel hin entwickeln, vielmehr fände es sein Ziel in sich selbst. Es würde nicht auf eine endgültige Form zustreben, da es in sich selbst bereits vollständig ist.
Wenn dieses transzendente bewusste Sein die Ursache des Universums und alles darin Existierenden wäre, hätte alles Erschaffene in irgendeiner Weise Teil an seiner Natur. Die mehr oder weniger begrenzte „Ganzheit“ von Organismen auf allen Ebenen der Komplexität könnte demnach als Spiegelung der transzendenten Einheit betrachtet werden, von der sie abhängen und von der sie letztendlich abstammen. So bejaht diese … metaphysische Position die ursächliche Wirksamkeit des bewussten Selbstes und die Existenz einer Hierarchie kreativer Instanzen, die der Natur innewohnen, und die Realität eines transzendenten Ursprungs des Universums.